Interview: drei Fragen an Turid Müller zu toxischen Beziehungen

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Turid Müller hat am 14. Oktober ihren neuen Ratgeber »Toxische Beziehungen« veröffentlich. Darin beschreibt sie, wie die Modelle und Methoden aus der Hamburger Kommunikationspsychologie nach Friedemann Schulz von Thun in Coaching und Selbstcoaching Anwendung finden können. Das Buch ist also für zwei Zielgruppen gedacht: Für Betroffene und für Profis. Und es ist nicht nur zum Lesen geeignet, sondern gibt auch in jedem Kapitel Impulse für die Anwendung. 

Turid Müller ist Diplompsychologin, hat ihre Diplomarbeit bei Friedemann Schulz von Thun geschrieben, und ihre Coaching-Ausbildung am Schulz von Thun Institut für Kommunikation absolviert. Kommunikation ist ihr psychologisches Leib- und Magenthema, denn es durchzieht das ganze Leben.

»Wen schon mal ein nicht so gelungenes Selbstgespräch vor einem Spiegel geführt hat, weiß: Den Tag verderben können wir uns auch ganz allein. Mit der inneren Kommunikation.« 

Ihre Neuerscheinung bringt nun ihre beiden psychologischen Schwerpunkte zusammen: Sie thematisiert Narzissmus und toxische Beziehungen durch die Brille der Kommunikationspsychologie. Ein Novum.

Frage 1

Turid Müller, fangen wir vorn an: Was sind überhaupt Toxische Beziehungen?

Das ist eine gute Frage. Dazu gibt es nämlich keine wissenschaftliche Definition. Das macht den aus der Popkultur stammenden Begriff ja auch so umkämpft: Einerseits ist das ein Modewort, das zum Teil inflationär verwendet wird. Andererseits ist er für Viele die Möglichkeit, in Worte zu fassen, was sie erleben: Keine „normalen Beziehungsprobleme“. Sondern eine Dynamik, die sehr ungesund ist. Dabei reden wir über ein breites Spektrum von psychischer bis hin zu körperlicher Gewalt. Also sehr unterschiedliche Konstellationen. Gemeinsam ist allerdings vielen, dass es keine Augenhöhe gibt, sondern ein Machtgefälle. Ebenfalls charakteristisch ist der Wechsel von vermeintlich guten Momenten und problematischen Interaktionen. Dieses Heiß-Kalt-Verhalten kann Betroffene in die Irre führen. Oft höre ich Sätze wie »Meine Beziehung ist nicht toxisch! Wir haben so viele gute Momente!« Doch tatsächlich ist gerade diese Achterbahn typisch. Wäre es nur schlecht, wäre es ja auch viel leichter zu gehen.
Segen und Fluch dieses Begriffs sind übrigens auch Thema meines neuen Buches. Die Hamburger Kommunikationspsychologie kennt ein wunderbares Modell, um diese Chancen und Risiken gleichermaßen deutlich zu machen: das Werte- und Entwicklungsquadrat.
Die Bezeichnung „toxische Beziehungen“ macht es möglich, zu benennen, was passiert. Wird sie aber uninformiert und im Übermaß verwendet, wird der Begriff entwertet. Um das zu verhindern braucht es Differenziertheit und Achtsamkeit im Gebrauch solcher Termini – doch zu viel dieser Vorsicht, würde verhindern, dass Missstände beim Namen genannt werden. Das Benennen ist und bleibt jedoch ein wesentlicher Schritt, um handlungsfähig zu werden. 

Frage 2

Da sprichst du einen kritischen Punkt an: Die Handlungsfähigkeit. Viele Menschen bleiben ja länger als ihnen guttut in solchen Beziehungen. Inwiefern können Modelle und Methoden der Hamburger Kommunikationspsychologie da eine Hilfe sein?

Nehmen wir zum Beispiel mal das Innere Team. Dieses Modell hilft uns ja die eigene innere Vielstimmigkeit besser zu verstehen. Das lässt sich ja auch ganz häufig miterlebe.: Betroffene sind mit sich selbst uneins: Soll ich bleiben? Oder soll ich gehen? Noch schwieriger kann es werden, wenn Kinder involviert sind. Da kommen dann auch noch die Bedürfnisse hinzu, die Eltern in Bezug auf ihre Kinder haben: Soll ich bleiben, um ihnen ein kontinuierliches Zuhause zu ermöglichen? Oder soll ich gehen, um sie vor dem Einfluss der Beziehungsdynamik zu bewahren?
In solchen Grübeleien stecken Menschen häufig fest und drehen sich im Kreis. Das Innere Team kann diese vielen inneren Stimmen entwirren, und dadurch Klarheit schaffen. Oft treten dabei auch die Ursache dafür zu Tage, warum es – jenseits der Verantwortlichkeiten und äußeren Umstände – so schwerfällt, die Partnerschaft loszulassen. Alle Inneren Teammitglieder kommen um zu helfen. Wenn sie an einer Beziehung, die uns schadet, festhalten, haben sie dafür einen guten Grund. Der Blick auf diese eigene Themen, wie zum Beispiel auf den Zweifel, ob man es alleine schafft, kann ein Schlüssel dazu sein, entscheidungsfähig zu werden.

Frage 3

Was möchtest du den Menschen mitgeben, die diesen Beitrag lesen? Welchen ersten Schritt können sie heute machen, um sich und ihr Inneres Team ein Stück besser kennenzulernen? Wie kann so ein Selbstcoaching aussehen?

Der erste Schritt ist oft schon allein das Denken im Modell: Wenn ich mir erlauben kann, verschiedene innere Wortmeldungen zu haben, mit mir uneins zu sein. Wenn ich mir klar mache, dass das menschlich ist, und auch sehr typisch für solche Partnerschaften. Dann kann ich das zulassen. Ohne mich dafür zu beschämen. Das ist überhaupt erstmal die Grundvoraussetzung dafür, genauer hinzusehen.
Hier begegnen wir auch ganz praktisch einer für dieses Modell sehr zentralen Qualität: dem Oberhaupt. Oder moderner gesprochen: der inneren Führungskraft. Beziehungsweise dem Selbst, wie ein verwandtes Teilemodell von Richard C. Schwartz, diese Instanz nennt.
Das Oberhaupt beobachtet die widerstreitenden inneren Anteile in uns: Wer meldet sich da in mir zu Wort, wenn ich mich frage, ob ich in meiner Ehe bleiben, oder mich trennen möchte? Und im besten Falle ist dies auch keine beschämende Instanz. Sondern die Moderation für ein liebevolles Selbstgespräch.
Da können wir ansetzen. Beschämung und Herabwürdigung erfahren wir in toxischen Beziehungen ja schon genug. Genau aus diesem Grund kann es auch für Betroffene besonders herausfordernd sein, mit sich selbst in einen wertschätzenden Dialog zu finden. Doch eine gute Beziehung zu sich selbst ist der Grundstein dafür, sich selbst zu sehr zu respektieren, um sich weiterhin schlecht behandeln zu lassen. Der Grundstein, um hinzusehen. Und uns selbst besser verstehen zu lernen – auch bei der Frage: Warum bleibe ich, obwohl ich weiß, dass es Zeit ist, zu gehen? 

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